„(…) nicht Lust soll um uns sein, sondern Leben“

Aus unbeschreiblich wissenden Händen empfing ich leihweise ein Exemplar der „Briefe an einen jungen Dichter“ von Rilke (1929, Insel Verlag Anton Kippenberg GmbH & Co. KG ⊂ Suhrkamp Verlag AG). Inzwischen verleihe ich mein eigenes zweifelnden Anfänger*innen. Selbst zweifle ich momentan so sehr, dass ich zum Äußerlichen greife: einer Rilke-Anthologie in Lebenshilfe-Aufmachung. Was hilft, ist recht!


So will ich wieder werden mit der Zeit; aber dazu muß ich so einsam bleiben, wie ich es jetzt bin, meine Einsamkeit muß erst wieder fest und sicher sein wie ein nie betretener Wald, der sich nicht vor Schritten fürchtet. (…) Darum habe ich jetzt weite Wege zu gehen, Tag und Nacht, zurück durch alles Vergangene und Verwirrte. Und dann, wenn ich an den Kreuzweg komme und die Stelle wiederfinde, wo das Irren anfing, dann will ich Werk und Weg wiederbeginnen, schlicht und ernst, als der Anfänger, der ich bin.

 

Die Kindheit (…) – was war es -, jenes Brennen, jenes Staunen, jenes ununterbrochene Nichtanderskönnen, jenes süße, jenes tiefe, jenes strahlende Thränenaufsteigenfühlen?


„Du mußt dein Leben ändern“ (2012, Insel Verlag Anton Kippenberg GmbH & Co. KG ⊂ Suhrkamp Verlag AG) ist sowohl der Titel des schmalen Taschenbuchs, aus dem ich hier exzerpiere, als auch der eines Gedichts von Rilke:

Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt,
darin die Augenäpfel reiften. Aber
sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,
in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,

sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug
der Brust dich blenden, und im leisen Drehen
der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen
zu jener Mitte, die die Zeugung trug.

Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz
unter der Schultern durchsichtigem Sturz
und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle;

und bräche nicht aus allen seinen Rändern
aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,
die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.


Die Auswahl und ein ordnendes Nachwort bestellte Ulrich Baer, wobei ihm eineinhalb Wiederholungen unterliefen. Ein Fragment steht zwei Mal im selben Kapitel, ein weiteres leicht verändert in verschiedenen. Das ist nicht schlimm, aber bei einem Umfang von 91 Seiten auch nicht unvermeidbar.

Und Ihr Zweifel kann eine gute Eigenschaft werden, wenn Sie ihn erziehen. Er muß wissend werden, er muß Kritik werden. Fragen Sie ihn, sooft er Ihnen etwas verderben will, weshalb etwas häßlich ist, velangen Sie Beweise von ihm, prüfen Sie ihn, und Sie werden ihn vielleicht ratlos und verlegen, vielleicht auch aufbegehrend finden. Aber geben Sie nicht nach, fordern Sie Argumente und handeln Sie so aufmerksam und konsequent, jedes einzelne Mal, und der Tag wird kommen, da er aus einem Zerstörer einer Ihrer besten Arbeiter werden wird, – vielleicht der klügste von allen, die an ihrem Leben bauen.


Rainer Maria Rilke - Du mußt dein Leben ändern

(…) ich möchte Sie, (…), bitten, (…), Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil sie nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.

 

(…) in einem arglosen Sinne vorwärts zu wirken, sei es im Geringsten, im Täglichsten. Mit jedem freudigen Zugreifen, mit jedem Ausblick in die noch unangebrochenen Fernen verwandeln wir nicht allein diesen und den nächsten Moment, wir schaffen auch das Vergangene in uns um, weben es uns ein, lösen den Fremdkörper des Schmerzes auf, von dem wir ja doch nicht wissen, woraus er besteht, und wieviel Lebens-Antrieb er, aufgelöst, unserem Blute mitteilt!

 

Die Lage eines Menschen bessern zu wollen, setzt einen Einblick in seine Umstände voraus, wie nicht einmal ein Dichter ihn besitzt, einer Figur gegenüber, die aus seiner eigenen Erfindung stammt.

 

Aber das Leben ist Veränderung, das Gute ist eine und das Schlechte auch, und darum hat der Recht, der alles als etwas nimmt, was nicht wiederkommt (…) wenn es nur in ihm geschah, mitten in ihm, Gutes wie Arges -, dann bleibt ihm eigentlich nichts zu befürchten, denn dann ist auch immer ein Nächstes da und jedesmal ein Bedeutendes.

 

(…) in der Schule muß das Leben sich verwandeln; wenn es irgendwo weiter, tiefer, menschlicher werden soll, so muß das in der Schule geschehen; später verhärtet es schnell in Berufen und Schicksalen, es hat nicht mehr Zeit, anders zu werden, es muß wirken so wie es ist.

 

Daß man doch im Rückblick auf kein menschliches Angesicht, das einem je ernst und offen zugewendet war, sich vorwerfen müßte, es verraten oder versäumt zu haben. (…) Oft ist es auch Unsicherheit und eben Zerstreutheit, die einen einschränkt; wieviel großmütige Sicherheit seiner selbst wäre nötig, um für jede Stimme, die uns erreicht, das lauterste Gehör und die unbeirrteste Antwort bereit zu haben.

 

Längst hab ich mich ja gewöhnt, die gegebenen Dinge nach ihrer Intensität aufzufassen, ohne, soweit das menschlich leistbar ist, um die Dauer besorgt zu sein, – es ist am Ende die beste und diskreteste Art, ihnen alles zuzumuten -, selbst die Dauer. Fängt man mit diesem Anspruch an, so verdirbt und fälscht man jedes Erlebnis, ja man hemmt es in seiner eigensten, innersten Erfindung und Fruchtbarkeit.

 

Denn sie [unsere Voreltern] meinten überhaupt noch, daß wir etwas in uns hereinholen könnten, einziehen, verschlucken, während wir doch von Anfang an so angefüllt sind, daß nicht das kleinste Ding hinzu kommen könnte. Aber wirken können sie alle. Und alle wirken sie aus der Ferne, die nahen wie die entlegenen Dinge, keines rührt uns an, alle verkehren mit uns über die Trennungen hin, und so wenig die äußersten Sterne in uns eingehen können, so wenig kann es der Ring an meiner Hand: nur wie der Magnet in irgendeinem empfindlichen Ding die Kräfte aufruft und ordnet, so können sie uns eine neue Ordnung machen, indem sie auf uns einwirken.

 

(…) Sehnsucht zur eigenen Zukunf hin, – nur seien Sie aufmerksam gegen das, was in Ihnen aufsteht, und stellen Sie es über alles, was Sie um sich bemerken. Ihr innerstes Geschehen ist Ihrer ganzen Liebe wert, an ihm müssen Sie irgendwie arbeiten und nicht zu viel Zeit und zu viel Mut damit verlieren, Ihre Stellung zu den Menschen aufzuklären.

 

Dort [Rosen-Oase bei Tunis] ist, in jeder Gestalt, jenes statische Prinzip verwirklicht, das wir doch zuletzt meinen: jenes, das nicht ein wechselndes Sich-halten ist im Labilen, sondern ein Aufruhen in der Mitte, in die man zurückfällt aus allen Wagnissen und Veränderungen. Man ist dort wie der Würfel im Becher: eine unbekannte Spielerhand schüttelt ihn zwar, und man stürzt aus ihm und bedeutet draußen, im Auffallen, viel oder wenig. Aber man wird, nachdem der Wurf vorüber ist, in den Becher zurückgeholt, und dort, innen, im Becher, wie man auch zu liegen kommt, bedeutet man alle seine Zahlen, alle seine Flächen.

Hier begriff ich, daß man sein Leben so weit als möglich leben müsse, nicht dem Tage nach, sondern in die Tiefe. Daß man nicht das Nächste thun muß, wenn man fühlt, daß man am Übernächsten, am Fernen, am Entferntesten mehr Antheil hat. Daß man träumen darf, während andere retten, wenn diese Träume einem wirklicher sind als die Wirklichkeit und nothwendiger als Brot. Mit einem Wort: daß man die äußerste Möglichkeit, die man in sich trägt, zum Maßstabe seines Lebens machen müsse. Denn unser Leben ist groß, und es geht soviel Zukunft hinein, als wir tragen können.

Böses kommt an jeden heran und in jeden hinein, und man könnte jeden in einem Moment überraschen, da er „schlecht“ wäre; nur daß man nicht stehen bleibe, das ist das Geheimnis, daß man lebe, – nichts ist unhaltbarer als das Schlechte, darum dürfte kein Mensch je denken, daß er es „sei“, er rühre sich: schon ist er es nicht mehr.

Capri (…); die Fremden sind fort, größtenteils, aber die Spuren ihrer dummen, immer in dieselben Löcher hineinfallenden Bewunderung sind so augenfällig und haften so sehr, daß selbst die ungeheuren Stürme, die die Insel ab und zu in den Rachen nehmen, sie nicht mitreißen.

Wie schwach muß im Grunde doch das Glück uns beschäfigen, da es uns sofort Zeit läßt, an seine Dauer zu denken und darum besorgt zu sein (…). Es steht für mich nicht in der Reihe, es tritt gleichsam immer gerade aus der unkenntlichen und unabsehbaren Tiefe hervor, und drum höre ich nie auf, es als Möglichkeit zu fühlen, auch da, wo es ausbleibt.

Es hätte keinen Sinn, Ihnen mit Wünschen nahe zu kommen, wenn nicht vor allem Wunsch diese Überzeugung stünde, daß die Güter des Lebens rein und unverdorben und im Tiefsten begehrenswert aus Umsturz und Untergang hervorgehen.

Wir haben keinen Grund, gegen die Welt Mißtrauen zu haben, denn sie ist nicht gegen uns. Hat sie Schrecken, so sind es unsere Schrecken, hat sie Abgründe, so gehören diese Abgründe uns. (…) Mythen von den Drachen, die sich im äußersten Augenblick in Prinzessinnen verwandeln; vielleicht sind alle Drachen unseres Lebens Prinzessinnen, die nur darauf warten, uns einmal schön und mutig zu sehen. Vielleicht ist alles Schreckliche im tiefsten Grunde das Hilflose, das von uns Hilfe will.

Wir gehen durch Alles das hin, wie der Faden durch ein Gewebe: Bilder bildend und wir wissen nicht welche.

 

Sie [die Kunst] hat bewiesen, daß wir jeder auf einer anderen Insel leben; nur sind die Inseln nicht weit genug, um einsam und unbekümmert zu bleiben. Einer kann den Anderen stören oder schrecken oder mit Speeren verfolgen – nur helfen kann keiner keinem. Von Eiland zu Eiland giebt es nur eine Möglichkeit: gefährliche Sprünge, bei denen man mehr als die Füße gefährdet. Ein ewiges Hin- und Herhüpfen entsteht mit Zufällen und Lächerlichkeiten; denn es kommt vor, daß zwei zueinander springen, gleichzeitig, so daß sie einander nur in der Luft begegnen, und nach diesem mühsamen Wechsel ebenso weit sind – Eines vom Anderen – wie vorher.

(…) wie entsetzlich sind die daran, die das Erlebnis suchen. Denn warum: weil sie schon mit irgendeinem frühsten und mit dem dritten und vierten Erlebnis nicht fertig geworden sind, es sich nicht wahrhaft aufgelöst einpassen konnten, – darum jagen sie immer weiter nach dem, dem sie nicht gewachsen sind, und es ist schon eine Gnade Gottes, wenn sie nur Jagende bleiben und sich ihnen jeder neue Fang entzieht.

Das Leben setzt einen Stolz hinein, nicht unkompliziert auszusehen. Wahrscheinlich brächte es uns mit Einfachheit nicht zu alledem, wozu wir nicht leicht zu bringen sind.


Ich sehe durchaus Widersprüche zu meiner Kritik am Rilke-Kalender.

Eines ist nur wahr neben dem anderen, und ich denke immer, die Welt ist geräumig genug vorgesehen, um alles zu erfassen: das, was war, muß nicht von der Stelle geräumt, nur langsam verwandelt werden, so wie das, was sein wird, nicht von den Himmeln fällt im letzten Augenblick, sondern immer schon neben uns, um uns und in unseren Herzen sich aufhält, auf den Wink wartend, der es ins Sichtbare ruft.


 

 

Lange hatte ich das Glück, dass unbeschreiblich wissende Hände mich hielten und ich meine Gedanken nicht allein tragen musste.

Nun gibt es freilich Momente, wo es schwer ist, in sich zu sein und innerhalb des eigenen Ichs auszuhalten; es geschieht, daß man gerade in den Augenblicken, da man fester und – fast müßte man sagen – eigensinniger denn je an sich festhalten sollte, sich an etwas Äußeres anschließt, während wichtige Ereignisse den eigenen Mittelpunkt aus sich heraus in Fremdes, in einen anderen Menschen verlegen. Das ist gegen die allereinfachsten Gesetze des Gleichgewichts, und es kann nur Schweres dabei herauskommen.


 

Möge das Leben Ihnen aufgehen, Tür um Tür; mögen Sie in sich die Fähigkeit finden, ihm zu vertrauen, und den Mut, gerade dem Schweren das meiste Vertrauen zu geben. (…) nicht Lust soll um uns sein, sondern Leben.


weitertürend:

„Das Rilke-Alphabet“ von Ulrich Baer (2006, Insel Verlag Anton Kippenberg GmbH & Co. KG ⊂ Suhrkamp Verlag AG)

„Du mußt dein Leben ändern“ von Peter Sloterdijk (2009, Suhrkamp Verlag AG)