Herrlich, Rilke!

Wenn Gott ist, so ist alles getan und wir sind triste, überzählige Überlebende, für die es gleichgültig ist, mit welcher Scheinhandlung sie sich hinbringen. (365 Tage mit Rilke, 22. Januar)

Hiersein ist herrlich! – das ist ungefähr das Gegenteil dessen, was ich (bisher kaum Rilke Lesende) als Titel eines Kalenders zu diesem Autor erwartet hätte. Im Jahr 2013 als Insel-Taschenbuch erschienen, will er zeitlos sein; den Daten sind keine Wochentage zugeordnet. Der Idee an sich stehe ich seit meiner Bekehrung von einer „Rilke ist Kitsch“-Haltung durch die „Briefe an einen jungen Dichter“ affirmativ gegenüber. Ich würde mich nicht trauen zu behaupten, die Umsetzung sei schlecht, aber bei einem derart diffizilen Unterfangen, kann mensch es naturgemäß nicht jeder Recht machen.

365 Tage mit Rilke

Die optische Aufmachung ist herrlich kitschig. Neben diversen Bildern, deren Auswahl zu beurteilen ich mich aufgrund mangelnder Kenntnisse in den Bereichen Kunstgeschichte und Biographie Rilkes nicht in der Lage fühle, stören mich vor allem die farblich abgesetzten Ornamente, die anstelle von blanko-Papier durch das Buch mäandern. Das Layout wirkt insbesondere in Tateinheit mit der schnörkeligen Typographie wie das eines Lifestyle-Blogs für Studienanfängerinnen.

Jedem Tag wurde ein Zitat Rilkes zugeordnet. Leider werde ich mit einem lapidaren „Die Zitate wurden (…) folgender Ausgabe entnommen: Rainer Maria Rilke, Sämtliche Werke in 12 Bänden. (…)“ abgespeist. Was mache ich, wenn ich mehr von dem lesen will, was mich am 2. Januar zum Nachdenken gebracht hat? Zu welchem Buch greife ich? Leider Google!

Zwar lerne ich durch die vielfältige Auswahl an Zitaten verschiedene Facetten des Autors kennen, allerdings ist es ohne Kontext schwer möglich, Rilkes Werk weitergehend zu erschließen. Selten reichen die ausgewählten Zitate in ihrer gedanklichen und emotionalen Tiefe über Kalenderspruch-Niveau hinaus, was das Format naturgemäß mit sich bringt, dem Autor jedoch kaum gerecht wird. Von einem Verlag für Literatur erwarte ich mehr, bspw. ein Layout, das eine andere Textauswahl ermöglicht.

zum Vergleich:


Daß etwas schwer ist, muß ein Grund mehr sein, es zu tun. (365 Tage mit Rilke, 2. Januar)


Und Sie dürfen sich nicht beirren lassen in Ihrer Einsamkeit, dadurch, daß etwas in Ihnen ist, das sich herauswünscht aus ihr. Gerade dieser Wunsch wird Ihnen, wenn Sie ihn ruhig und überlegen und wie ein Werkzeug gebrauchen, Ihre Einsamkeit ausbreiten helfen über weites Land. Die Leute haben (mit Hilfe von Konventionen) alles nach dem Leichten hin gelöst und nach des Leichten leichtester Seite; es ist aber klar, daß wir uns an das Schwere halten müssen; alles Lebendige hält sich daran, alles in der Natur wächst und wehrt sich nach seiner Art und ist ein Eigenes aus sich heraus, versucht es um jeden Preis zu sein und gegen allen Widerstand. Wir wissen wenig, aber daß wir uns zu Schwerem halten müssen, es ist eine Sicherheit, die uns nicht verlassen wird; es ist gut einsam zu sein, denn Einsamkeit ist schwer; daß etwas schwer ist, muß ein Grund mehr sein, es zu tun.

(Briefe an einen jungen Dichter, Insel Bücherei Nr. 406, S. 37ff)