Die Glaubwürdigkeit einer Geschichte

(…) Selbst da glaubte ich noch, dass zwar Carmen die Ferien woanders verbringen, ich aber bleiben würde. Mama würde sich unmöglich von mir trennen können. Doch schon war sie auf dem Weg in mein Zimmer. „Jetzt noch deine Sachen.“ Langsam folgte ich ihr.

Als ich hereinkam, kniete sie vor meinem Bett, faltete Hemden und legte sie vorsichtig in den Koffer. Das machte sie nur, um mir weiszumachen, ich würde auch verreisen, aber mir kann sie nichts vormachen, dachte ich.

Sie legte immer noch mehr Dinge in den Koffer, und schließlich nahm sie einen kleinen dunklen Gegenstand in die Hand, eine Glasflasche. Der Kinderarzt hatte mir Eisenverordnet. Jeden Morgen sollte ich einen Löffel von einem schwarzen Sirup nehmen. Er schmeckte ekelhaft, aber der Arzt hatte gesagt: „Eisen ist gut fürs Wachstum“ – so als wäre ich eine Brücke im Bau. Ich hasste diese Medizin, von der die anderen dachten, sie sei so gut für mich.

Erst in dem Moment, als ich sah, wie die Flasche mit dem Eisen in meinem Koffer verschwand, begriff ich, dass es tatsächlich wahr war – ich sollte das Haus verlassen und zwei lange Monate bei meinem Onkel Tito verbringen. Wenn meine Mutter so etwas Kostbares und Ungewöhnliches wie diese Flasche einpackte, dann meinte sie es ernst.

Damals lernte ich ein für alle Mal, dass die Glaubwürdigkeit einer Geschichte von gewissen Einzelheiten abhängt.

Juan Villoro, Das wilde Buch, S. 27f (2014, Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.